Tuesday, December 18, 2012

Neue Flyer sind fertig! // New flyers out now!


Um unser Projekt bekannter zu machen, haben wir neue Flyer gedruckt. Ihr würdet uns sehr helfen, wenn ihr einige davon an euren Wohnorten an Interessierte verteilen oder auf themenrelevanten Veranstaltungen auslegen würdet. Schickt dazu einfach eine Mail an lizaruft@gmail.com mit eurer Anschrift und dem Hinweis, wie viele Flyer wir euch - natürlich auf unsere Kosten - zuschicken sollen. Vielen Dank im Voraus!



In order to increase awareness of our project, we printed new flyers in German. To achieve greater resonance, we kindly ask you to help us distributing them at your places of residence. Just send your address to lizaruft@gmail.com and state how many flyers we may provide you. For those residing in Non-German speaking countries: we still have a bunch of English flyers at hand! Thank you very much in advance!

Monday, December 10, 2012

Yitzhak Arad zur These eines "Doppelten Genozids // Yitzhak Arad on "double genocide"

[english below]

Gerne machen wir auf einen neuen Artikel von Dr. Yitzhak Arad aufmerksam, der auf Defendinghistory.com veröffentlicht wurde.

Dr. Arad ist ein Holocaust-Überlebender und ehemaliger Partisan aus Litauen, ein Veteran des israelischen Unabhängigkeitskriegs von 1948 und ein Historiker, der über zwei Jahrzehnte Direktor von Yad Vashem in Jerusalem war. Er hatte sich Ende der 1990er überreden lassen, der "Internationalen Kommission für die Beurteilung der Verbrechen der national-sozialistischen und sowjetischen Besatzungsregime in Litauen" beizutreten, bis er dort 2007 wegen "Kriegsverbrechen" angeklagt wurde. Im Juli dieses Jahres hatten wir das Glück mit Dr. Arad, der am 11.November 90 Jahre alt geworden ist, über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und über die litauische Gedenkpolitik zu sprechen (siehe unseren Blogpost vom 5. Juli 2012).

In seinem neuen Artikel The Holocaust in Lithuania, and Its Obfuscation, in Lithuanian Sources geht Dr. Arad ausführlich auf den Anteil der einheimischen Bevölkerung am Holocaust in Litauen ein und stellt diesen Komplex den Verbrechen der ersten und zweiten Periode der Sowjetherrschaft (1940/41 und 1944-1989) gegenüber.

Dabei widerspricht er der These eines „Doppelten Genozids“ vehement: Während die Mehrheit der Bevölkerung (beflügelt von der Presse, der katholischen Kirche etc.) die Deutschen aufgrund eines lange eingeübten Antisemitismus als Befreier empfing und Teile noch vor Konsolidierung der Besatzungsherrschaft mit der Ermordung ihrer jüdischen Nachbar_innen begannen (die von den Deutschen mit tatkräftiger Mithilfe von etwa 5 000 litauischen Handlangern systematisch fortgesetzt wurde), fielen der Sowjetherrschaft in erste Linie politische Gegner_innen zu Opfer, zum Beispiel die antisowjetischen Nationalist_innen, die der Roten Armee nach Rückzug der Deutschen in den Rücken fielen.

Dr. Arad verurteilt die sowjetischen Verbrechen, die in der Deportation von über 180 000 Litauer_innen nach Sibirien ihren Höhepunkt fanden, wobei schätzungsweise 20 000 ums Leben kamen, scharf, bekämpft aber die Tendenz im postkommunistischen Litauen, diese als „Roten Holocaust“ dem Mord an fast 90 Prozent der litauischen Jüdinnen und Juden gleichzusetzen und zugleich die Mitschuld der litauischen Mehrheitsgesellschaft herunterzuspielen.

Den Beginn dieses Paradigmenwechsels datiert er auf das Jahr 2006: Die im Zuge der angestrebten Westbindung begonnene Aufarbeitung des Holocausts sei im Anschluss an die Eintritte in die EU und in die NATO einem Trend gewichen, die Ereignisse von 1939 – 1989 zu verschleiern und umzuschreiben – ein Trend, der in Osteuropa viel Nachahmung fand und auch in Brüssel Einzug gehalten hat.


We proudly call attention to a new article by Dr. Yitzhak Arad on Defendinghistory.com.

Dr. Arad is a Lithuanian born Holocaust survivor and former partisan, a veteran of the Israeli War of Independence in 1948 and a distinguished historian who was for over two decades director of Yad Vashem. In the late 1990ies, he was persuaded to join the "International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regime in Lithuania" in Vilnius before he found himself being accused of "war crimes" in 2007. In July 2012, we were lucky to interview Dr. Arad in Israel, who recently turned 90 years, about his experiences in WW 2 and Lithuanian commemoration politics (see our blog post from july 5, 2012).

In his new article the Holocaust in Lithuania, and Its Obfuscation, in Lithuanian Sources, Dr. Arad analyzes the impact of local collaborators in the Holocaust in Lithuania and compares this complex with the crimes of the first and second period of Soviet rule in the country (1940/41 and 1944-1989).

Thus, he
vehemently contradicts the thesis of a "double genocide" in Lithuania: While the majority of the population (including the media, the Catholic church, etc.), welcomed the German occupiers as "liberators” and - driven by an ingrained anti-Semitism - began to slaughter their Jewish neighbors (which the Germans continued systematically through the help of some 5,000 Lithuanian henchmen), the Soviet regime’s violence primarily aimed at political opponents, such as the anti-Soviet nationalists who fought the Red Army after the German retreat.

Dr. Arad condemns the Soviet crimes, which culminated in the deportation of more than 180,000 Lithuanians to Siberia, where an estimated 20,000 perished, but rejects the tendency in post-communist Lithuania, to equate these crimes under the label of a "Red Holocaust" with the murder of 90 percent of Lithuanian Jewry and to downplay the complicity of Lithuanians in the mass murder. 


According to Arad, the shift of paradigm took place in 2006: After a promising beginning which resulted from Lithuania’s request for EU and NATO membership, the accession made way for a more blunt attempt "to obfuscate and rewrite" the events of 1939 – 1989.

Sunday, October 28, 2012

Mazal tov, Rachel Margolis! // Happy Birthday, Rachel Margolis!

[english below] 

Rachel Margolis feiert heute ihren 91. Geburtstag. Im Juli dieses Jahres hatten wir das Glück, sie persönlich kennenzulernen, als wir bei ihr und ihrer Tochter Emma in Rehovot, Israel, zu Gast waren. Ihre anfängliche Vorsicht wich bald Herzlichkeit, und so lernten wir die ehemalige Partisanin und Weggefährtin Fania Brancovskajas als vom Alter geschwächte, aber sehr wache und beeindruckende Persönlichkeit kennen.  

Rachel Margolis hatte das Ghetto in Wilna/Vilnius einige Wochen vor ihrer Jugendfreundin Fania Anfang September 1943 verlassen. Sie schloss sich einer sowjetischen Partisan_inneneinheit in den Wäldern von Narotsch an, bis sie in die Einheit von Fania wechselte, die in den Rudnicki-Wäldern operierte. Hier beteiligte sie sich am Kampf gegen die deutschen Besatzer und überstand eine schwere Typhuserkrankung. Von jüdischen Männern, die von der Massenexekutionsstätte in Ponar geflohen waren, wo sie die Überreste von zehntausenden Leichen exhumieren und verbrennen mussten, erfuhr sie Details von den Verbrechen der Deutschen und deren litauischer Helfer. Unter den etwa 100 000 in Ponar ermordeten Menschen waren auch Rachels Eltern und ihr kleiner Bruder Josef.

Die damals überzeugte Kommunistin Rachel Margolis gehörte - mit Fania - zu den wenigen Wilnaer Jüd_innen, die nach dem Krieg in ihrer Heimatstadt blieben. Sie half, das Jüdische Museum aufzubauen (das die Sowjets 1949 schlossen),  heiratete, bekam eine Tochter, studierte Biologie und wurde Dozentin an der Universität.

Im Zuge der Perestroika begann sie, sich beim Aufbau eines neuen jüdischen Museums zu engagieren. Dabei entpuppte sie sich als kompetente Archivarin und Historikerin, die u.a. das Tagebuch des polnischen Journalisten Kazimierz Sakowicz entdeckte, der in Ponar gelebt und akribisch den Massenmord dokumentiert hatte. Sakowicz kam unter ungeklärten Umständen ums Leben, aber seine Aufzeichnungen überdauerten im Archiv, wo sie vier Jahrzehnte mit dem Siegel "unleserlich" lagerten. Dieses erschütternde, einmalige Zeugnis des Holocausts in Litauen entziffert und herausgegeben zu haben, gehört zu den besonderen Verdiensten von Rachel Margolis.

1994 folgte Rachel Margolis ihrer Tochter nach Israel, besuchte Wilna jedoch jeden Sommer, um ihr Engagement für die Aufarbeitung der Vergangenheit fortzusetzen - bis ins Jahr 2008, als ihre gerade veröffentlichten Memoiren die litauische Staatsanwaltschaft dazu motivierten, gegen ihre Freundin Fania zu ermitteln und sie als Zeugin zu vernehmen.

Seitdem traut sich Rachel Margolis nicht mehr in ihre Geburtsstadt, was ihr, wie wir im Juli erfahren mussten, großen Kummer bereitet. Wir hoffen durch unseren Film, ihr und ihrem Kampf für die Gerechtigkeit ein wenig zu helfen.

Liebe Rachel, wir danken Dir an dieser Stelle noch einmal für das Vertrauen und wünschen Dir alles erdenklich Gute - vor allem Gesundheit!

Mazl-tov tsu dayn geboyrn tog, Rachel. Biz Hundret un Tsvantsig!

Today, Rachel Margolis is celebrating her 91st birthday. In July this year we were fortunate to meet her personally, when we were invited to her daughter's house in Rehovot, Israel. Rachel's initial caution soon gave place for warmness, and so we got to know the former partisan and companion of Fania Brancovskaya, though weakened by age, as a very bright and impressive personality. 

 Rachel Margolis had left the ghetto a few weeks before Fania Brancovskaya in the beginning of September 1943. She joined a Soviet partisan unit in the forests of Naroch and subsequently the Jewish unit of Fania, which operated in the forests of Rudnicki. She took part in the struggle against the German occupiers and survived a severe typhoid fever. Of Jewish men who had escaped from the mass execution site in Ponar, where they had been forced to exhume and burn the remains of tens of thousands dead, she learned details of the crimes of the Germans and their Lithuanian helpers against the Jewish people. Among the approximately 100.000 who were murdered in Ponar were Rachel's parents and her little brother Joseph. 

After the war Rachel Margolis was - along with Fania - one of the few Vilna Jews who remained in their home town. At that time a convinced communist she helped building the Jewish Museum (which the Soviets closed in 1949), married, had a daughter, studied biology and became a lecturer at Vilna university. 

In the course of perestroika, she got involved in building the new Jewish museum whereas she proved to be a competent archivist and historian. She discovered the diary of the Polish journalist Kazimierz Sakowicz, who had lived in Ponar and meticulously documented the mass murder. Sakowicz was killed under mysterious circumstances, but his records survived in the archives, where they were kept four decades classified as "illegible". Deciphering and editing this shocking, unique testimony of the Holocaust in Lithuania is one particular merit of the late Rachel Margolis.

In 1994, Rachel followed her daughter to Israel, but kept visiting Vilnius every summer to continue her commitment in researching and teaching the Holocaust - until 2008, when the publication of her memoirs motivated the Lithuanian Prosecutor's office to investigate her friend Fania and to hear Rachel as a witness. Since then, Rachel Margolis does not dare to return to her native city, what, as we had to learn in July, causes her great sorrows. Through our movie, we hope to support her and her struggle for justice a little bit.

For her birthday we wish her the very best - especially health! 

Mazel tov, Rachel. Ad Meah V'Esrim!

Friday, September 28, 2012

Oyf viderzen, Vilne! // Good-bye, Vilna!

[english below]

An unserem letzten Tag in Vilnius haben wir heute mit Regina Kopelevich das "Grüne Haus" besucht, die Holocaust-Abteilung des Vilna Gaon Jewish State Museum. Hier baten wir sie, vor der Kamera aus der russischsprachigen Originalversion von Rachel Margolis' Memoiren jene Absätze vorzulesen und zu übersetzen, die von der rechten Presse skandalisiert wurden und Fania ins Fadenkreuz staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen brachten. Regina saß dabei an dem Schreibtisch, von dem aus Rachel Margolis den Aufbau des Museums vorangetrieben hatte.

Anschließend haben wir zwei Orte besucht, wo während der Sowjetherrschaft Grabsteine des jüdischen Friedhofs als Pflaster- bzw. Treppensteine missbraucht wurden.

Rossa-Platz // Rossa place
Das letzte Ziel unserer Dreharbeiten war der Rossa-Platz, auf dem die Deutschen die Wilnaer Juden und Jüdinnen nach Liquidierung des Ghettos eine Nacht im Freien festhielten. Nachdem die meisten der verbliebenen Männer sowie ein Teil der Frauen in Konzentrationslager deportiert worden waren, führten die Deutschen am nächsten Tag eine weitere Selektion auf dem Hof des oberhalb gelegenen Barock-Klosters statt. Die "arbeitsfähigen" Frauen wurden zur Zwangsarbeit bestimmt, während alle Übrigen nach Sobibor bzw. Ponar geschafft und ermordet wurden. Fanias Eltern und ihre jüngere Schwester Rivka befanden sich unter denjenigen, die die Deutschen in Konzentrationslager verschleppten, wo alle drei später ums Leben kommen sollten. Zu den wenigen Zeugen des Geschehens am 23. und 24. September gehört Michael Shemyavitz, der im sog. Heereskraftfahrpark 562 in Vilna Zwangsarbeit leisten musste. Heute leitet er das Beit Wilna in Tel Aviv, wo wir ihn im Juli zu einem Interview treffen konnten.

Im Anschluss an diese letzten Aufnahmen mussten wir uns sehr beeilen, unseren Rückflug noch zu erreichen.

Die sieben Tage sind viel zu schnell vergangen, doch sind wir zuversichtlich, das Beste aus der knappen Zeit gemacht zu machen. Wir hoffen, dass ihr diesen Eindruck teilt und Spaß an unserer Dokumentation der Dreharbeiten hattet. In den kommenden Wochen werden wir mit Vorarbeiten zur Postproduktion beginnen, über die wir euch hier auf dem Laufenden halten werden.

Zu guter Letzt noch einmal herzlichen Dank an alle unsere Interview-Partner_innen, die wir hoffen, sehr bald wiederzusehen.

Oyf viderzen, Vilne! Iki pasimatymo, Vilnius! Good-bye, Vilna! 


On our last day in Vilnius we met with Regina Kopelevich and visited the "Green House" which is the Holocaust division of the Vilna Gaon Jewish State Museum. Here we asked Regina to read out and translate for the camera the very paragraphs from the Russian original edition of Rachel Margolis' memoirs that were picked up by the right wing press and brought Fania in the line of fire of prosecutional investigations. Regina performed reading while sitting at the desk where Rachel Margolis for many years helped shaping the Holocaust Museum.

Afterwards we shortly visited two sites where under Soviet rule grave stones of the Jewish cemetery were abused as plaster and stair treads.

The last goal of today's filming was the Rossa square where after the liquidation of the Ghetto the Germans had detained the remaining Vilna Jews one night in the open. After most of the men and some of the women had been deported to concentration camps, another selection was held in the courtyard of the nearby baroque monastery. While the "fit for work" women were taken away for forced labor, the "unfit" including children and the elderly were brought to Sobibor or Ponar where they were murdered. Fanias parents and her younger sister Rivka were among those who were deported to concentration camps for forced labor where all three were subsequently murdered .

Michael Shemyavitz is one of the few surviving witnesses of the events of this end of the Vilna Ghetto. He was forced to work in the so-called 'Heereskraftfahrpark 562' (Army Automotive Park 562). Today he heads Beit Vilna in Tel Aviv where we were lucky to met with him in July for an interview.

Finishing our filming at these places we had to hurry to reach our plane. Last seven days have been passing far too quickly, but we believe we made the best of it.We hope you share this impression and enjoyed our documentation of the filming. In the upcoming weeks we will begin preliminary works for  post-production about which we will keep you updated on our blog.

Finally, we would like to thank once more all our interview partners. We hope to see you very soon again.

Oyf viderzen, Vilne! Iki pasimatymo, Vilnius! Good-bye, Vilna!





"Für den Sieg" // "To victory"

[english below]

Nachdem Nossa und Martin heute morgen bereits ihren Rückflug hatten antreten müssen, haben wir uns zu zweit in Begleitung von Regina auf den Weg gemacht, um Bilder und Ton von Orten in Vilnius aufzunehmen, die für unseren Film wichtig sind. U.a. waren wir noch einmal in der Gegend, in der Fania wohnt, ein Neubauviertel aus den 1970er Jahren.

Am frühen Nachmittag waren wir mit Ruth Kaplinski verabredet, der Tochter von Shmuel und Chiena Kaplinski, die die Einheit "Für den Sieg" anführten, der auch Fania angehörte. Ruth, die im Juli 1944 im Waldlager geboren wurde, wurde von ehemaligen Partisan_innen auch scherzhaft "Wasser" genannt, weil ihre Mutter, gefragt, ob sie schwanger sei, stets geantwortet hatte, sie habe einen Wasserbauch - denn Schwangerschaften waren unter Partisan_innen alles andere als erwünscht. Das Interview, das in einem Park vor dem ehemaligen KGB- bzw. Gestapo-Gebäude stattfand, stellte uns vor große Herausforderungen: wir mussten zu zweit zwei Kameras und zwei Tonaufnahmegeräte bedienen - und nicht zuletzt das Interview führen, das Regina aus dem Russischen ins Englische übersetzte.

Dennoch war das Gespräch äußerst lebendig und spannend, zumal Ruth - wie sie uns später "gestand" - bisher kaum über ihre Perspektive der Geschichte ihrer prominenten Eltern und deren ehemaligen Kamerad_innen gesprochen hatte. Weil sie ein besonders enges Verhältnis zu Rachel Margolis hat, konnte sie aus erster Hand von deren Schwierigkeiten berichten, von den litauischen Behörden als Opfer der deutschen Besatzungszeit anerkannt zu werden, weil sie eine sowjetische Partisanin gewesen war. Ruth half ihr, diesen Anspruch in zähem Ringen durchzusetzen. Auch Fania erinnert sie als ständigen Gast im Hause ihrer Eltern, und so konnte sie viele Details berichten und bestätigen, dass Fania eine sehr starke Persönlichkeit ist - die allerdings Schwierigkeiten habe, ihre Schwächen zu zeigen.

Herzlichen Dank an Ruth, mit der wir ganz sicher in Kontakt bleiben werden.

Anschließend haben wir einen ausgedehnten "Spaziergang" mit der Kamera gemacht, um noch mehr vom Alltagsleben einzufangen. Er endete spät mit einem wohlverdienten Bier und einem Panorama-Blick auf das spätsommerliche Vilnius.

After Nossa and Martin already had to return this morning, the two of us accompanied by Regina set off to do some video and audio recordings at locations in Vilnius which are particularly important for our movie. E. g. we drove once again to the area where Fania lives, a neighborhood build in the 1970s.

In the early afternoon we had an appointment with Ruth Kaplinski, the daughter of Shmuel and Chiena Kaplinski who had lead the unit "To victory" to which Fania belonged. Ruth - who was born in July 1944 in the partisan camp at Rudnicki - was
teasingly nicknamed by their parents' former comrades-in-arms "water" because her mother used to tell them she only had a water belly - pregnancies among partisans were anything but desirable. The interview which took place in a park in front of the former KGB respectively Gestapo building challenged us a lot: the two of us had to operate two cameras and two recording devices - and last but not least conduct the interview which Regina simultaneously translated from Russian to English.

Nevertheless, the conversation was very vivid and informative, especially since Ruth - as she later "confessed" - had hardly ever talked about
her perspective of the history of her prominent parents and their former comrades. Because she has a particularly close relationship to Rachel Margolis, she was able to report first hand of the latter's difficulties to be recognized by the Lithuanian authorities as a victim of German occupation because she used to be a soviet partisan. Ruth helped her to set through this claim in a law suit. She also remembers Fania as a frequent guest in her parents' house which enabled her to give us many details and to confirm that Fania has a very strong personality - but difficulties to show weakness.

Many thanks to Ruth, with whom we will certainly keep in touch.

Later we had an extensive "walk" with the camera to capture more scenes of the city's everyday life. It ended late in the evening with a well-earned beer and a panoramic view of late-summer Vilnius.

Thursday, September 27, 2012

Zay gezunt un shtark, Fania! // Stay healthy and strong, Fania!

[english below]

Gestern haben wir das staatliche "Genocide and Resistance Research Centre" aufgesucht und dessen Direktorin Birutė Burauskaitė interviewt. Eine markante Bezeichnung, nur leider versteht das Zentrum unter Genozid nicht in erster Linie den Holocaust, sondern praktisch ausschließlich die sowjetischen Verbrechen. Diese eigentümliche Interpretation der Geschichte schlägt sich auch in seinen Publikationen nieder oder im angeschlossenen "Museum of Genocide Victims", das erst seit Kurzem in einem kleinen Raum den Opfern des Holocausts gedenkt.

Erwartungsgemäß gab sich Frau Burauskaitė sehr diplomatisch oder zog die "Ich bin mit dieser Problematik nicht vertraut"-Karte. Zwar scheint sie nicht zu den Hardliner_innen zu gehören und äußerte einige Kritik an der staatlichen Gedenkpolitik und dem Umgang mit den jüdischen Partisan_innen, deklarierte diese jedoch umgehend als ihre persönliche Meinung - und nicht als offzielle Äußerung im Namen des Zentrums. Nach dem Interview mussten wir uns beeilen, da wir mit Fania im Jiddischen Institut verabredet waren. Hier trafen wir sie sehr aufgewühlt an, weil wir ohne ihr Einverständnis in der Wohnung im ehemaligen Ghetto einige Aufnahmen gemacht hatten, in der sie und ihre Familie zwei Jahre auf engstem Raume gelebt hatten. Zum Glück war ihr Ärger von kurzer Dauer, und so führte uns Fania noch einmal durch das ehemalige Ghetto, wo sie sehr eindrücklich von ihren Erlebnissen berichtete.


Wir gingen über die Strashun-Bibliothek, wo sie von der FPO-Leitung die Instruktionen zu ihrer Flucht erhalten hatte, über ihre Wohnung, wo sie sich von ihrer Familie ein letztes Mal verabschiedet hatte, über die kleine Pforte zur Deutschen Straße, über die sie mit ihrer Gefährtin Doba Develtof entkommen war, zur Ecke Pylimo/Traku, von der die beiden geschockt sahen, wie Lastwagen mit Soldaten aufs Ghettotor zufuhren.

Nahe dieser Stelle schloss sich ein sehr persönliches Gespräch über ihre Erfahrungen unmittelbar nach der Befreiung an, in dem ihre Verluste, aber auch ihr Lebensmut einmal mehr spürbar wurden - und die Nähe, die sich zwischen uns entwickelt hat. Anschließend begleiteten wir sie noch zum Bus, wo sich unsere Wege für dieses Mal in Vilnius leider trennten. Uns fehlen ganz ehrlich die Worte, an dieser Stelle auszudrücken, was uns ihre Person, ihre Zuneigung und ihr Vertrauen in uns bedeuten. Danke, Fania.


Yesterday we visited the state-run „Genocide and Resistance Research Centre“ and interviewed its director Birutė Burauskaitė. A distinctive institutional name, but strangely the centre's activities do barely cover the Holocaust, but almost exclusively the Soviet crimes. Its odd interpretation of history is reflected in the centre's publication list or in the affiliated „Museum of Genocide Victims“ which has begun to commemorate the victims of the holocaust only recently and in a small room. As expected, Birutė Burauskaitė spoke rather diplomatic. She criticized the state's commemoration practices and its attitude towards former Jewish partisans. However, she marked this to be her personal opinion and not the official position of the centre. 


After the interview we met with Fania whom we found very upset because we took pictures in her family's former apartment in the ghetto without her permission. Fortunately, her anger didn't last long and we took off for a last tour with her in the former ghetto. Once more, she spoke very impressively about her experiences regarding this place.

We walked the way from Strashun library (where she had received the last instructions to escape from the ghetto), to her apartment (where she had said goodbye to her family for the last time), via the little door which lead to the German street (through which she and her companion Doba Develtof had escaped), to the corner of Pylimo with Traku (from where the two watched in horror how trucks with soldiers approached the ghetto).

At this point we got into a very personal conversation about her experiences immediately after the liberation of Vilna throughout which her losses as well as her optimism once more became very noticeable - and also the closeness that has developed between us. Eventually, we accompanied her to the bus, where our ways parted for this time in Vilnius. We honestly lack the words to express what she, her affection and her confidence in our project mean to us. Thank you, Fania!

Tuesday, September 25, 2012

Befragung der Landbevölkerung zu den Partisan_innen // Interviewing the rural population on the partisans

[english below]

Heute früh sind wir mit dem Mietwagen in die Gegend um Rudnicki gefahren, um die Landbevölkerung nach ihrer Meinung zu den Partisan_innen bzw. zu ihren Erinnerungen zu befragen. Fania war durch diese Gegend auf ihrer Flucht aus dem Ghetto gekommen und hatte sich den sowjetischen Partisan_innen angeschlossen, die in den Wäldern operierten. Unsere Erwartungen waren gedämpft, weil niemand glauben wollte, dass es dort noch Augenzeug_innen gibt, zumal große Teile der polnischstämmigen Landbevölkerung nach dem Krieg in die Gebiete umgesiedelt wurden, die von Deutschland an Polen gefallen waren.

Eine besondere Herausforderung war zudem die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung um Rudnicki, die zumeist darüber entschied, ob polnische, weißrussische, litauische, sowjetische oder jüdische Partisan_innenverbände unterstützt bzw. als Bedrohung betrachtet wurden.Dank der tatkräftigen Hilfe unserer Dolmetscherin Regina Kopelevitch, die als Guide mit Schwerpunkt jüdischer Geschichte tätig ist und aus der Region stammt, gelang es uns, schnell mit den Bewohner_innen ins Gespräch zu kommen. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sich heraus, dass durchaus noch Augenzeug_innen der Geschehnisse vor Ort leben und diese sehr aufgeschlossen waren.

Im Hinblick auf die sowjetischen bzw. sowjetisch-jüdischen Partisan_innen tat sich ein ganzes Spektrum von Reaktionen auf, das von Sympathien bis hin zu Feindseligkeit reichte. So gab es unterschiedliche Beurteilungen der Ereignisse am 3. Juni 1944 in Pirčiupiai, wo deutsche Soldaten als "Vergeltungsmaßnahme" für einen Partisan_innenüberfall auf einen Wehrmachtstransport die gesamte Dorfbevölkerung in Scheunen trieb und verbrannte.

Besonders beindruckend war das Gespräch mit einem 86-jährigen Dorfbewohner Pirčiupiais, der nur überlebte, weil es ihm gelungen war, sich in den Wald zu flüchten, wo er sich eine Woche versteckt hielt. Unisono brachten die Befragten ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass die ortsansässige Landbevölkerung ganz besonders unter dem Krieg gelitten hat.

Nach unserer Rückkehr nach Vilnius erlaubten uns freundlicherweise die neuen Bewohner_innen die Wohnung im ehemaligen Ghetto zu besichtigen, in der Fania, ihre Familie und ein Dutzend weiterer Menschen hatten leben müssen


This morning we went with a rental car in the area around Rudnicki to interview the rural people on their opinion on the partisans or even learn about their experiences. Fania had come through the area on her escape from the ghetto and had joined the Soviet partisans who operated in its woods.

Our expectations were dampened, because nobody could believe that there were still eye witnesses around, especially since big parts of the Polish population were resettled after the war in the territories that had fallen from Germany to Poland. As a particular challenge we expected the multi-ethnic composition of the rural population around Rudnicki, which often determined about whether Polish, Belarusian, Lithuanian, Jewish or Soviet partisan units were either supported or considered as a threat.


Thanks to the active help of our interpreter Regina Kopelevitch, a guide specialized in Jewish history and with roots in the region, we quickly got into conversation with the residents. To her own surprise, it turned out that quite a few eye witnesses were still around and were even very communicative.
 

Asked about the Soviet or Soviet Jewish partisans a whole spectrum of opinions opened up that ranged from sympathy to hostility. For example, there were different assessments of the events in Pirčiupiai of June 3, 1944 where German soldiers as a "retaliation measure" for a partisan assault on an army transport drove the entire village population in barns and set them on fire. Particularly impressive was talking to a 86-year-old villager of Pirčiupiai who survived only because he was able to escape into the woods where he kept hiding for a week. With one voice, the respondents expressed their conviction that the local rural population suffered terribly from the war.
 

After our return to Vilnius we were invited by the today's residents of the apartment in the former ghetto where Fania, her family and a dozen other people had to live for months under claustrophobic circumstances.

Eindrucksvolles Gedenken in Ponar // Impressive commemoration in Ponar

[english below] 

Nach Rückgabe des Mietwagens sind wir zum Zentrum der Jüdischen Gemeinde gelaufen, um mit deren Bus zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 69. Jahrestags der Liquidierung des Ghettos nach Ponar zu fahren. Die Vertreter_innen der Gemeinde waren erwartungsgemäß sehr beschäftigt mit ihren Vorbereitungen - allen voran Fania, die uns nur kurz begrüßte. Nach kurzweiliger Fahrt im vollbesetzten Bus erreichten wir die Gedenkstätte in Ponar, wo sich bereits ein eigentümliches Gemisch aus litauischen Soldat_innen und Trachtenkindern, Politiker_innen, Überlebenden und Gemeindemitgliedern eingefunden hatte.


Auf dem Weg zum zentralen Memorial für die über 70 000 hier ermordeten litauischen Juden und Jüdinnen ergab sich ein eindrucksvolles Gespräch mit Melech Stalevich, der nach seinem Kampf in der Roten Armee 1945 in seine Heimatstadt Wilna zurückgekehrt war, in der ihn nichts an das erinnerte, was er aus der Vorkriegszeit kannte. Er blieb nur, nachdem sich herausgestellt hatte, dass seine totgeglaubte Mutter am Leben geblieben war. Er fand sehr deutliche Worte zur litauischen Gedenkpolitik. Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung hatten wir ein kontroverses Gespräch mit dem Geschäftsführer der umstrittenen "International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania ", Ronaldas Račinskas. In dieser Kommission hatte auch der ehemalige Partisan und Chef von Yad Vashem, Yitzhak Arad, gearbeitet, bis er infolge eines politisch motivierten Untersuchungsverfahrens entlassen wurde (siehe auch unseren Blogpost vom 5. Juli 2012).

Nach unserer Rückkehr aus Ponar und einer kleinen Pause fuhren wir zu Dovid Katz, der seine Kritik an der litauischen Gedenkpolitik unterstrich und berichtete, wie Fania Brancovskaja und Rachel Margolis auf die Anfeindungen gegen sie reagierten. Er berichtet dieses Mal sehr persönlich, wie er sich in den 00er Jahren des Rechtstrends in Litauen bewusst wurde, der ihn wider Willen vom Jiddisten zum politisch engagierten Historiker werden ließ.

Ein langer, aber erkenntnisreicher Tag. Morgen früh werden wir noch einmal in die Wälder von Rudnicki fahren, wo wir u.a. hoffen, unter der lokalen Bevölkerung Zeug_innen zu finden, die sich an die Partisan_innen erinnern können.


After returning the car, we walked to the center of the Jewish community to go on the bus provided by the community to the commemoration ceremony of the 69th anniversary of the liquidation of the Vilna ghetto. As expected, the representatives of the community were busy with preparations - especially Fania, who greeted us only briefly. After a diverting ride in the full up bus we reached the memorial in Ponar, where a peculiar mixture of Lithuanian soldiers, young couples in traditional lithuanian dresses, politicians, holocaust survivors and community members had gathered.

On the way to the central memorial for the more than 70 000 Lithuanian Jews, who were murdered here, we had an impressive interview with Melech Stalevich, a Jewish Red Army veteran. When he returned to his hometown of Vilna in 1945, he was shocked by scale of destruction. He settled again only after it turned out that his mother was still alive - as the only one of his family. He gave us some distinct remarks on Lithuanian commeroration politics. Following the memorial ceremony we had a argumentative interview with the executive director of the controversial "International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regime in Lithuania", Ronaldas Račinskas. The former partisan and head of Yad Vashem, Yitzhak Arad, used to be part of this commission, until he was dismissed as a result of a politically motivated investigation procedure (see our blog post from july 5, 2012).

On our return from Ponar and a short break, we were invited at Dovid Katz' place who underlined his criticism of Lithuanian commemoration politics and told us how Rachel Margolis and Fania Brancovskaja reacted to the hostilities against them. He explained in a very personal manner, how he in the 00s years became aware of the revisionist trend in Lithuania which reluctantly made him turn from a yiddishist more and more into a politically engaged historian.


A long but insightful day. Tomorrow morning we will once again drive to the forests of Rudnicki where we i.a. hope to find witnesses among the local population who have memories of the partisans.

Sunday, September 23, 2012

Regnerischer Bildertag // rainy filming day

[english below]

Leider ist das Wetter sehr regnerisch geworden (und ein Teammitglied etwas krank). Trotzdem haben wir ein paar sehr schöne Bilder und Tonaufnahmen vom Bahnhof in Vilnius machen können, wo Fania nach der Befreiung der Stadt vielmals auf die Rückkehr ihrer Schwester Rivka aus den deutschen Konzentrationslagern gewartet hat - leider stets vergeblich. Anschließend sind wir in die Nähe von Ponar gefahren, wo wir aus dem Unterholz Güterzügen "aufgelauert" haben, die sich in beeindruckender Weise vorbeischoben. Fania hatte im gestrigen Interview von "Oifgab'n" gesprochen, die deutsche Nachschubzüge zum Ziel hatten. Auf dem Rückweg haben wir uns prompt im Wald verlaufen - wie es Fania auf ihrer ersten Mission geschehen war.

Morgen wird in Ponar der Liquidierung des Wilnaer Ghettos gedacht - eigentlich ist der Jahrestag heute, aber die Gedenkveranstaltung wurde mit Rücksicht auf Regierungsvertreter_innen und Diplomat_innen auf Montag verschoben. Wir werden Fania mit dem Bus der jüdischen Gemeinde dorthin begleiten - dann wohl wieder vollzählig.


Unfortunately the weather turned very rainy (and a member of the team got a little sick). Nevertheless, we did ​​some nice images and sound recordings at the central train station of Vilnius, where Fania after the liberation of the city had come to wait many times for the return of her younger sister Rivka from the German concentration camps - to no avail. Afterwards we drove near by Ponar, where we "ambushed" freight trains out of the woodwork that passed in an impressive manner. In yesterday's interview, Fania had spoken of "Oifgab'n" which targeted German supply trains. On our way back to the parking, we promptly got lost in the woods - as it had happened to Fania on her first mission.

Tomorrow the liquidation of the Vilna Ghetto will be commemorated in Ponar - its anniversary was actually today, but the ceremony had been postponed to Monday to accomodate officials. We will accompany Fania on the bus provided by the Jewish community - then probably again with the complete team.


Tafel am Bahnhof Vilnius. Die Erinnerung nazistischer Verbrechen fehlt. // Memorial plate at Vilnius train station. The commemoration of Nazi crimes is absent.

Fantastischer erster Drehtag // Great first filming day

[english below]

Zu unserer Freude hat Fania am Morgen zugesagt, den Tag mit uns zu verbringen. Weil das Wetter schlechter werden soll, schlug sie vor, heute in den Wald von Rudnicki zu fahren. Wir haben sie mit unserem Mietwagen abgeholt und sind die etwa 30 Kilometer Richtung Süden bis zu der Gedenkstätte gefahren, die sich nahe des einstigen Stützpunkts von Fanias Einheit befindet. Das Sowjetregime hatte hier deren Erdhütten mit Beton rekonstruiert. Weil die Stätte der litauischen Regierung ein Dorn im Auge ist, lässt sie diese verfallen. Wir haben hier und in den Ortschaften gedreht, die Fania mit ihrer Kameradin Doba Develtof auf ihrer Flucht aus dem Wilnaer Ghetto vor fast genau 69 Jahren passieren musste. Die Gesprächspausen nutzte Fania übrigens, um Pilze zu sammeln.

Abends schloss sich eine Einladung bei ihr zum Essen an, von der wir eben erst zurückgekommen sind. Wir hatten einen wunderbaren Abend und weitere Gespräche, die das Projekt sehr vorangebracht haben. Obwohl wir völlig erschöpft sind, sind wir Fania dankbar für den tollen ersten Tag.

 

To our delight, Fania proposed in the morning to spend the day with us. Since it is supposed to rain the next days, she suggested to visit the forests of Rudnicki today. After picking her up with our rental car we drove about 30 kilometers to the south heading for the secluded memorial, which is located near the site of the former camp of Fania's partisan unit. The Soviet regime had reconstructed their burrows with concrete. Since the site is an eyesore to the Lithuanian government, it falls more and more into ruin. We were filming here and in the villages, Fania and her comrade Doba Develtof had to pass on their way out of the Vilna Ghetto almost exactly 69 years ago. By the way, Fania made use of the pauses picking mushrooms.

In the evening we were invited for dinner at her place, from where we have just returned. We had a great time and further conversations on her life story after the war which pushed the project another big step forward. Though exhausted we are very thankful for this great start.

Friday, September 21, 2012

Gut angekommen! / Welcome to Vilnius!

[english below]

Nach einer kurzen Nacht und Zwischenstopp in Riga sind wir gut in Vilnius angekommen. Auch die Ton-Angel fand sich schließlich noch im Laderaum unserer Turbo-Prop. In Vilnius ist schönes September-Wetter, so licht und grün haben wir die Stadt bisher nicht erlebt. Weil Fania "vernommen" war, wie sei es ausdrückt, wenn sie zu tun hat und die Kamera nicht dabei haben will (sie führte eine Gruppe des YIVO-Instituts durch das ehem. Ghetto), haben wir einen Kamera-Spaziergang gemacht und Vorbereitungen für die nächsten Tage getroffen. Morgen werden wir uns mit Fania absprechen. Unbedingt wollen wir mit ihr noch einmal das ehem. Ghetto besuchen und die Wälder von Rudnicki. Den Abend werden wir bei Dovid Katz zu Gast sein.



After a short night and a stopover in Riga we arrived at Vilnius today. Fortunately, our sound-boom did not get lost in the depths of the Turbo-Prop we flew with. Vilnius showed off with great September weather - we never saw it so bright and green. Because Fania was "farnummen" today, as she uses to say, when she's busy and doesn't want the camera to be around her (she was guiding a group from the YIVO-Institute through the former Ghetto), we had a walk with the camera through the old town and did some preparations for the days ahead. Tomorrow we'll schedule our meetings with Fania. We definitely would like to visit with her once more the former Ghetto as well as the Rudnicki forest. But first we'll meet with Dovid Katz who just invited us over to his house. 




Thursday, September 20, 2012

Spendenaufruf / call for donations

[english below]

In wenigen Stunden brechen wir auf zu unserem dritten und voraussichtlich letzten Litauen-Besuch im Rahmen der Dreharbeiten. An dieser Stelle noch ein dringender Appell: Unser Projekt braucht eure Unterstützung! Die Kosten für Flug und Unterkunft haben wir schultern können, aber die Ausgaben für Spesen, Transporte und Technik sind nicht gedeckt. Falls ihr auch nur ein bisschen Geld locker habt, bitte investiert es in das Gelingen dieser Fahrt. Vielen Dank vorab!
Euer Liza ruft!-Team

In a few hours we will head off to our third and probably last filming trip to Lithuania. On this occasion, allow us an urgent appeal: Our project needs your support. We were able to ante up the expenses for flights and accommodation, but the costs for fees, transportation and equipment are not covered yet. If you have only a little money at hand, please consider making a donation to make this trip a success. Thank you so much in advance!
Your Liza ruft! team

Sunday, September 16, 2012

A gut Yor! Happy new year!

Heute Abend beginnt Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest. Damit endet das Jahr 5773 nach dem jüdischen Kalender, und das Jahr 5774 beginnt.

Wir wünschen allen Leser_innen unseres Blogs, unseren Unterstützer_innen und vor allem unseren Interview-Partner_innen in Litauen und Israel ein gutes, gesundes und glückliches neues Jahr.

A gut Yor fun Berlin! Schanah towah!


Tonight Rosh Hashanah started, the Jewish New Year's day. It marks the end of the year 5773 of the Jewish calendar, and the start of 5774.

We wish all our blog readers, our supporters and especially our interview partners in Lithuania and Israel a  healthy, prosperous and happy year ahead.


 A gut Yor fun Berlin! Shana tova!

Monday, September 10, 2012

Our teaser is online!

It is done, a first teaser with English subtitles is finally online! The Israel-material has not been considered, and yet it comes with camera recorded sound only. Nevertheless, we are very satisfied. Enjoy! 

   
Besides, we will provide you in the future with exciting outtakes and video interviews on our YouTube channel.

Friday, September 7, 2012

Unser Teaser ist online!

Es ist vollbracht, unser erster Teaser ist endlich fertig und untertitelt! Das Israel-Material ist übrigens noch nicht berücksichtigt, und der Ton ist bisher nur der kameraeigene Ton. Dennoch sind wir sehr zufrieden. Viel Spaß!


Auf unserem YouTube Kanal werdet ihr in Zukunft außerdem spannende Outtakes und Interview sehen können.

An English subtitled version will follow next days!

Thursday, September 6, 2012

Ehrung von Nazi-Kollaborateur_innen stoppen! // Remove All Memorials to Nazi Collaborators!

[english below]

Sehr unterstützenswert ist diese Petition von Krystyna Steiger, alle Denkmäler und Gedenktafeln, die litauische Nazi-Kollaborateur_innen ehren, von öffentlichen Plätzen und Gebäuden in Litauen zu entfernen. Noch immer werden diese in Litauen als "Widerstandskämpfer" gegen die sowjetische Besatzung geehrt. Siehe auch unseren Post zum 23. August.

Beispielhaft ist die unten abgebildete Tafel zu Ehren von Ambrazevicius-Brazaitis, der als Premierminister 'von deutschen Gnaden' die Anweisung unterschrieb, die litauischen Jüdinnen und Juden in Ghettos zu pferchen. Dieser Befehl wurde für die jüdischen Bewohner_innen Wilnas heute vor genau 71 Jahren traurige Wirklichkeit - darunter Fania Brancovskaja und ihre Familie.

Bild von // taken from defendinghistory.com
Krystyna Steiger is petitioning to the Lithuanian Government and Parliament to remove all memorials to Nazi collaborators from public and state facilities. They are still glorified in Lithuania as "resistance fighters" against the soviet occupation. See also our post on August 23th

Paradigmatic is the memorial plate pictured on the left which honors the Nazi puppet prime minister of the 1941 provisional government, Ambrazevicius-Brazaitis, who signed the order for Jews to be herded into a ghetto. This fatal order became reality for the Wilna Jews exactly 71 years ago - among them Fania Brancovskaja and her family.

Friday, August 31, 2012

"Liza ruft!" auf der Sommer-Universität Ravensbrück // "Liza ruft!" at Summer University Ravensbrück

[english below]

 

Am Mittwoch haben wir unser Projekt auf der 8. Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück vorgestellt, deren thematischer Fokus auf „Erinnerung und Medienbiographien – generationen- und geschlechtsspezifische Perspektiven“ lag. Hier haben wir unser Projekt ein erstes Mal einer größeren Runde präsentiert und unseren Teaser gezeigt, den ihr in Kürze auch auf unserem Blog sehen könnt.

Zu unserer Freude war das Feedback der Teilnehmer_innen sehr positiv, wobei wir uns besonders für die zahlreichen kritischen Anmerkungen und Ideen bedanken. Danke auch an Sandra für ihre Vermittlung sowie die Vorbereitungsgruppe, die uns sehr kurzfristig noch ins Programm aufgenommen hat.


On Wednesday we presented our project at the 8th European Summer University Ravensbrück which focused on "Remembrance and Media Biographies - Generational and Gendered Perspectives". It was the first time that we presented our project to a larger audience and showed our teaser which you will soon be able to watch here or on our blog.

To our delight, the attendants' feedback was very positive, yet especially we would like to thank for the many critical comments and the challenging ideas that were brought up. Thanks also to Sandra for her support and to the preparation group for admitting our project at very short notice.

Thursday, August 30, 2012

Unsere 3. Litauen-Reise nimmt Gestalt an! // We will be visiting to Vilnius in the end of September!

[english below

Unser Vorhaben, anlässlich des 69. Jahrestags der Liquidierung des Ghettos am 23. September 1943 nach Vilnius zu fahren, nimmt Gestalt an.

Wir haben gerade mit Fania telefoniert, und sie sich einverstanden erklärt. Übrigens wird Martin, der uns schon im April nach Vilnius und im Juli nach Israel begleitet hat, wieder mit dabei sein und sich um den Ton kümmern. Leider hatte Fania auch eine traurige Nachricht für uns: Doba Develtov, die Partisanin, die mit Fania in letzter Minute aus dem Ghetto entkam, ist vor einigen Wochen in Los Angeles verstorben.


We are happy to announce that our plan to visit to Vilnius on occasion of the 69th Anniversary of the liquidation of the ghetto on 23 September 1943 is slowly taking shape!

We just spoke to Fania, and she has given consent. Incidentally, Martin, who has accompanied us in April to Vilnius in July to Israel will join the team again and take care of the sound. Unfortunately Fania also had some sad news for us: Doba Develtov, the partisan, who escaped with her at the eleventh hour from the ghetto, died a few weeks ago in Los Angeles.


Thursday, August 23, 2012

73. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts // 73. anniversary of Nazi–Soviet Pact

[english below]

Heute jährt sich der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, besser bekannt als Hitler-Stalin-Pakt, zum 73. Mal. Der Tag, an dem Hitler und Stalin Ostmitteleuropa unter sich aufteilten, war ein Tiefpunkt der europäischen Geschichte und schädigte die antifaschistische Bewegung im globalen Westen nachhaltig.

Revisionist_innen und Totalitarismustheoretiker_innen nutzen den Pakt als Beweis für die Gleichartigkeit von Nazismus und Sowjetkommunismus. Seitdem eine Prominentengruppe, darunter der heutige Bundespräsident Joachim Gauck, 2008 die Einführung des „Europäischen Gedenktages an die Opfer von Stalinismus und Nazismus“ initiierten, wurde er willkommender Anlass, alljährlich die Verbrechen der Sowjets zu thematisieren und die antikommunistischen Widerständler_innen zu ehren.

Das führt soweit, dass das Massenvernichtungsprogramm der Nazis heruntergespielt wird und Nationalist_innen geehrt werden, die nicht selten Handlanger der Nazis waren. Besonders in Ostmitteleuropa erfreut sich dieser Gedenktag großer Beliebtheit. In Litauen werden die Nationalfahnen vor allen öffentlichen Gebäuden mit einem schwarzen Trauerflor versehen. Neofaschist_innen nutzen den Tag für Aufmärsche.


Today marks the 73. anniversary of the Treaty of Non-Aggression between Germany and the Soviet Union, better known as the Nazi–Soviet Pact, by which Hitler and Stalin divided East-Central Europe among themselves. This day marks a bitter day in European history and damaged the anti-fascist movement in the Western world ongoing.

Revisionists and worshipers of the totalitarism theory utilize the pact as evidence of an alleged sameness of Nazism and Soviet Communism. Ever since in 2008 a celebrity group, including the current German President Joachim Gauck, initiated the introduction of the "European Day of Remembrance for Victims of Stalinism and Nazism" it became a convenient annually opportunity to bring attention to the crimes of the Soviets, and to honor all anti-communist activists. 


De facto, this leads to a downplay of the Nazi mass extermination program while nationalists are honored some of whom were anti-Semites or even Nazi henchman. Particularly in Central and Eastern Europe this commemoration practices enjoy great popularity. In Lithuania, flags in front of all public buildings are marked with a black ribbon. Neo-fascists use August 23 for parades.

Friday, July 6, 2012

Rachel Margolis: Partisanin, Autorin, Angeklagte

Heute waren wir bei Rachel Margolis in der Kleinstadt Rehovot zu Besuch, ein Treffen, das wir uns sehr gewünscht haben. Rachel Margolis kennt Fania noch aus ihrer Kindheit und hat als Partisanin in den Wäldern von Narotsch und Rudnicki gekämpft, allerdings in einer anderen Einheit als Fania. Aufgrund eines Nebensatzes in ihrer Autobiographie zum Gefecht von Kaniūkai begann die litauische Staatsanwaltschaft 2008 Ermittlungen gegen sie, Fania und weitere Partisan_innen, die von nationalistischer Hetze begleitet waren.

Unser Treffen fand in der Wohnung von Rachel Margolis' Tochter Emma statt, die zwischenzeitlich übersetzte und aber auch ihre Sicht der Dinge schilderte. Beide sprachen sehr klar und offen und äußerten sich ähnlich wie Arad pessimistisch über die Zukunft für das Judentum in Litauen. Deutlich zeigte sich Margolis‘ Schmerz, die den Großteil ihres Lebens in Litauen verbrachte, sich am Wiederaufbau des Landes beteiligte und 1994 mit 70 Jahren ihrer Tochter Emma nach Israel folgte. Hier lebt sie nun zwischen den Stühlen, seitdem sie in ihrer geliebten Heimat Litauen zur unerwünschten Person gemacht geworden war.

Ein sehr berührendes Interview, für das wir uns bei Emma und Rachel sehr herzlich bedanken.

Thursday, July 5, 2012

Begegnung mit dem Chef von Yad Vashem Yitzhak Arad // Meeting the former head of Yad Vashem Yitzhak Arad

[english below]
 
Der Tag ging so erlebnisreich weiter, wie der letzte aufgehört hatte. Früh morgens fuhren wir mit dem Bus ins unweit von Tel Aviv gelegene Ramat HaScharon, um Yitzhak Arad zu treffen. Der ehemalige Partisan, israelische Brigadegeneral und Chef von Yad Vashem erwartete uns in der Lobby seiner Senior_innen-Residenz, in dem nach seiner Auskunft die Hälfte Überlebende des Holocausts sind. Nach einigen Takes vor dem Schwimmbad der Anlage fasste er Vertrauen und lud uns in die Wohnung, die er mit seiner Frau teilt, die wegen Krankheit leider abwesend war.

Obwohl prominenter Zeitzeuge und selbst Historiker verlor er sich nicht in Analysen, sondern antwortete auf unsere Frage nach den Ermittlungen gegen ihn mit einer emotionalen Schilderung, wie er als 15jähriger vom deutschen Überfall aus dem Leben gerissen wurde und sich den Partisan_innen anschloss, um zu überleben.
Auch er berichtete vom Antisemitismus unter den sowjetischen und kommunistischen litauischen Partisan_innen, während die polnischen Verbände der Armia Krajowa die Juden_Jüdinnen noch mehr als die Litauer_innen und Russ_innen hassten und grundsätzlich keine aufnahmen. Dazu kamen die Konflikte mit der Bevölkerung, vor allem der litauischen. Als nach der Befreiung durch die Sowjetunion im Sommer 1944 litauische Nationalist_innen in die Wälder gingen, um der Roten Armee in den Rücken zu fallen, die sich unter schweren Verlusten Richtung Berlin bewegte, nahm er noch einmal die Waffe in die Hand und bekämpfte "die Feinde der Befreier". 
Für seine Taten übernehme er die volle Verantwortung und sei – als praktisch einziger Überlebender seiner Familie - stolz auf sie. Was ihm sonst versucht werde anzulasten – im Auftrag des NKDW politisch missliebige Partisan_innen aus dem Weg geräumt zu haben - seien nichts als Lügen und der Versuch, ihn als Mitglied einer Historiker-Kommission zu delegitimieren, die die Beteiligung der Litauer_innen am Holocaust in Litauen untersuchen sollte.

Herrn Arad sei herzlich gedankt für seine Gastfreundschaft und sein Vertrauen in uns. Wir wünschen ihm und seiner erkrankten Frau alles Gute, vor allem Gesundheit.

The day started as exciting as last one's had ended. Early in the morning we took the bus to meet with  Yitzhak Arad in Ramat HaSharon close to Tel Aviv. A former partisan, Israeli Brigadier General and head of Yad Vashem, Mr. Arad was awaiting us in the lobby of the retirement home he lives in, in which, according to information he gave us, half the inhabitants are survivors of the Holocaust. After a few takes in the front of the residence's swimming pool he invited us to the apartment he shares with his wife, who was unfortunately absent due to illness. 

Although he is a prominent witness and a historian, he did not lose himself in analysis, but responded to our question on the investigation against him with an emotional narration of how he as a 15 year old was robbed of his life by the German invaders and joined the partisans in order to survive. He also reported on anti-Semitism among Soviet and Lithuanian Communist partisans, while the units of the Polish partsians of the Armia Krajowa hated Jews so much that they rejected them from their ranks. In addition, conflicts with the local rural population arose, especially with Lithuanian inhabited villages. After the liberation by the Soviet Union in the summer of 1944, when Lithuanian nationalists and former collaborators went in the forests to attack the Red Army which was moving under heavy losses towards Berlin, Arad once more took his rifle and fought off the "enemies of the liberators". He emphazised he would take full responsibility for his actions and that he was - as the sole survivor of his family - proud of them. Anything else he was blamed for – the execution of "politically deviant partisans" on behalf of the stalinist NKVD - is nothing but lies and an attempt to delegitimize his position in a historical commission that was formed to investigate the participation of ethnic Lithuanians in the Holocaust.  

We are very thankful to Mr. Arad for his hospitality and his trust in our project. We wish him and his wife all the best, especially firm health.

Wednesday, July 4, 2012

Kamera ab - endlich drehend!

Früh morgens gab es noch zwei kleinere Rückschläge, dann ging es endlich los. Frau G., eine ehemalige Nachbarin Fanias in Vilnius vor dem Krieg, sagte uns leider überraschend ab. Sie fürchtete Unannehmlichkeiten, welcher Art, wollte sie am Telefon nicht sagen. Wir hoffen, dass sie sich doch noch entscheidet, vor der Kamera mit uns zu sprechen. Auch Herr H., ein ehemaliges FPO-Mitglied und Partisan, würden wir gerne noch treffen, doch er vertröstet uns von Tag zu Tag. Fania hatte schon vermutet, dass er nicht vor der Kamera sprechen will – offenbar, weil er sich nach Anfeindungen und Ermittlungen der Nürnberger Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten als Partisan und „Avenger“ nicht mehr öffentlich äußern mag. Wir hoffen, seine ehemaligen Kamerad_innen können ihn noch umstimmen, denn er ist ein langjähriger Bekannter Fanias und ein besonders bedeutender Zeuge.

Am Vormittag endlich hatten wir mehr Glück, als wir bei Josef Melamed, dem Vorsitzenden der „Association of Lithuanian Jews in Israel“ im Haus der Organisation zu Gast waren. Im Gegensatz zu Baruch Shub, der in seiner Funktion als Direktor der „Organization of Partisans Underground Fighters, and Ghetto Rebels in Israel“ vorsichtiger war, was politisch verfängliche Äußerungen angeht, nahm Melamed kein Blatt vor den Mund und kritisierte die litauischen Revisionismus scharf. Er meinte, er habe keinerlei Angst, von der Beteiligung der Litauer an der Vernichtung des litauischen Judentums und von seiner Vergangenheit als Partisan zu berichten. Zumal er in Israel – anders als Fania in Litauen - auch nichts zu befürchten habe. Er wolle nichts als die Wahrheit sagen, selbst wenn, wie der langjährige Rechtsanwalt lachend hinzufügte, wir von der litauischen Regierung geschickt worden seien.

Nach dem Mittagessen waren wir bei Litman und Chaya Mor-Moravchick zu Gast, um mit Herrn Mor über seinen Kampf für die FPO in Vilnius bzw. später als Partisan in den Narotsch-Wäldern zu sprechen. Aus einer Einladung zu Kaffee und Kuchen wurde ein sechsstündiger Interview-Marathon, der auch beim Abendessen fortgesetzt wurde. Der 96-Jährige (!) ließ dabei eine ausschweifende Erinnerung der nächsten folgen – während seine Frau Chaya, die mit ihm seit 1945 verheiratet ist, ihn gleichermaßen liebevoll wie stichelnd dazu aufrief, sich kurz zu halten und ihren Besuch - uns – endlich zum Essen kommen zu lassen. Zum Glück hielt er sich nicht daran, denn er hat wirklich viel zu erzählen! So entstand eine unbeschreibliche Menage aus seinen Schilderungen und ihren Zurufen. Und wenn er sich doch einmal verlor, fasste sie seine Exkurse gekonnt zusammen. Herzlichen Dank an Chaya und Litman Mor für die große Gastfreundschaft und diesen unvergesslichen Tag in ihrem Haus!

Morgen werden wir den ehemaligen Partisanen und Chef von Yad Vashem, Yitzhak Arad, treffen, gegen den 2008 ebenfalls von litauischer Seite ermittelt wurde. Er lebt mit seiner Frau in einer Senior_innenresidenz in Ramat HaScharon.

Tuesday, July 3, 2012

Start mit Schwierigkeiten


Gut in Tel Aviv angekommen kämpfen wir nicht nur mit der extremen Hitze, sondern auch mit unserem Tonequipment, das uns leider spontan den Dienst versagt hat. Nach langem Herumtelefonieren haben wir es geschafft, einen neues Aufnahmegerät zu leihen. Vielen Dank an die Heymann Brothers, GreenProductions und Oleg Kaizerman an dieser Stelle!

Dabei ging es inhaltlich höchst spannend los. Heute morgen haben wir den 88-jährigen Baruch Shub getroffen, Direktor der Organization of Partisans Underground Fighters, and Ghetto Rebels in Israel, der uns in dem unscheinbaren Büro der Vereinigung in einem Wohnhaus in der Arlozoroff street empfing. Er selbst war Partisan in den Wäldern von Narotsch östlich von Vilnius und war 1946 nach Palästina ausgewandert.

Er bat uns vorab, die Kamera nicht einzuschalten, da er erst mit seiner Organisation absprechen wollte, zu welchen Themen er sich offiziell äußern kann. Obwohl bemüht, nichts politisch Verfängliches zu sagen, konnte er sich kaum zügeln.

Der Hinweis auf Fania Brancovskaja und Kaniukai war ihm Anlass genug, uns die Wirklichkeit des Partisanen_innenkampfes, das Verhältnis zur christlich-polnischen bzw. zur christlich-litauischen Landbevölkerung und die Feindseligkeiten zwischen den polnischen und den sowjetischen Partisan_inneneinheiten auseinanderzusetzen. Im Hinblick auf Kaniukai brachte er seinen Standpunkt wie folgt auf den Punkt: "We were neither angels nor were we murderers. We were soldiers!"

Baruch Shub bei einer Gedenkveranstaltung
Am Liebsten hätten wir ihn unterbrochen, soviel Input ohne Kamera. Immerhin erlaubte er auf unser Drängen, ein Mikro einzusetzen. Und am Ende wurde das Gespräch so politisch und die Bedeutung seiner Zeugenschaft so deutlich, dass er deutlichere Worte fand und zumindest in Bezug auf seine Person sagte, er sei bereit, vor der Kamera offen über seine Erfahrungen zu sprechen. In seinem Alter und mit Wohnsitz in Israel habe er eh nichts zu verlieren. "We were partisans back then, so let's be partisans now!"

Zum konkreten Fall Fania Brancovskaja wird er vermutlich keine scharfen Worte finden, da er die israelisch-litauischen Beziehungen bzw. die jüdischen Menschen in Litauen nicht gefährden will. Doch ist für ihn klar, dass diese Anklage unsinnig und politisch motiviert ist. Wir werden ihn vermutlich Freitag oder Sonntag treffen und freuen uns auf weitere interessante Einblicke, dann auch vor der Kamera.

Morgen werden wir Frau G., eine Freundin von Fania treffen, am Donnerstag den ehemaligen Partisanen Yitzhak Arad, der 2008 ebenfalls angeklagt werden sollte, und am Freitag sprechen wir mit Rachel Margolis, einer ehemaligen Partisanin und Mitkämpferin von Fania.


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Friday, June 29, 2012

Wir filmen vom 2.-11. Juli in Israel!

Fania Brancovskaja beim "March of the Living" in Ponar

Während unseres zweiten Besuchs in Vilnius vom 16. bis 20. April 2012 begleiteten wir Fania Brancovskaja zum Militärfriedhof, wo ihr Mann begraben ist, zum jüdischen Friedhof und zum "March of the Living" am 19. April, an dem anläßlich des Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto der Schoa-Gedenktag begangen wird.

Unsere Begegnungen mit Fania Brancovskaja machten deutlich, dass eine besondere Herausforderung unseres Projektes die Frage sein wird, wie wir die Aspekte ihrer Biographie und der Schoa in Litauen filmisch erzählen können, über die sie nicht mehr offen sprechen mag, seit sie zum Ziel von nationalistischen Anfeindungen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geworden ist.

Um diese Lücken zu schließen, haben wir Kontakte zu ihren Angehörigen und ehemaligen Kombattant_innen aufgenommen, die nach Isral emigriert sind, wie z.B. Fanias Tochter Dina und die ehemaligen Partisan_innen Yitzhak Arad, Baruch Shub, Joseph Melamed und Rachel Margolis. Arad, Melamed und Margolis haben nicht nur als Partisan_innen im Umland von Vilnius gekämpft, sondern wurden wie Fania auch Zielscheibe der litauischen Staatsanwaltschaft.

Auf unserer Reise nach Israel werden wir die Chance haben, noch tiefer in die Geschichte Fania Brancovskajas und des jüdischen Widerstands in Litauen einzutauchen. Wir freuen uns auf spannende Begegnungen mit beeindruckenden Menschen und ihrer einzigartigen Geschichte und werden Euch während der Reise an dieser Stelle mit Berichten sowie Fotos & Videos auf dem Laufenden halten.